Glossar und Wörterbuch

Wundversorgung


Unter einer Wunde versteht man eine Verletzung des Gewebes, meist durch äußere Einflüsse.

Man unterscheidet:

Mechanisch verursachte Wunden: Schnitt-, Stich-, Platz-, Quetsch-, Schuss-, Ablederungs-, Biss- und Schürfwunden
Thermische Wunden: Brandwunden, Verbrühungen, Erfrierungen
Chemische Wunden: Verätzungen
Strahlenwunden: Verstrahlung durch Röntgenstrahlung und andere radioaktiv wirkende Substanzen
Innere Wunden: Oft durch andere Wundarten wie Schuss- oder Stichwunden ausgelöst (meist Einblutung durch Riss/Bruch eines Organs)

Heilt eine Gewebeverletzung innerhalb von acht Wochen nicht ab, spricht man von einer chronischen Wunde. Hauptursachen für chronische Wunden sind meist Stoffwechselkrankheiten (vor allem Diabetes), Infektionen, ein geschwächtes Immunsystem und mechanische Belastung, z. B. das so genannte "Wundliegen" (Dekubitus).
Wundheilung und -versorgung

Grundsätzlich ist der Mensch in der Lage, nach Verletzungen in der obersten Zellschicht der Haut Gewebe durch Regeneration zu ersetzen. Man unterscheidet die primäre, sekundäre und tertiäre Wundheilung. Allen gemeinsam ist die Abdichtung der Wunde gegenüber der Außenwelt bei gleichzeitigem Ersatz des zerstörten Gewebes.

Die effektivste Art, die Heilung akuter und chronischer Wunden zu beschleunigen, ist eine Versorgung mit hydroaktiven, also feuchten Materialien. Seit den 60er Jahren weiß man, dass die feuchte Wundbehandlung der traditionellen, "trockenen" (Mullkompresse, Gaze) überlegen ist und bessere Resultate erzielt.

Die Therapie schwer heilender und chronischer Wunden ist eine große medizinische und pflegerische Herausforderung - hier entstehen Kosten, die bei falscher Behandlung das Gesundheitssystem massiv belasten.

Dennoch wird noch immer überwiegend die traditionelle Wundversorgung eingesetzt - Fachleute sprechen von einer Unter- und Fehlversorgung in der Wundtherapie!

Feuchte Wundversorgung: Für akute und chronische Wunden

Akute Wunden kennt jeder aus dem Alltag: Stich-, Schnitt- oder andere Verletzungen schädigen das Gewebe, eine Wunde entsteht, Gewebeflüssigkeit oder Blut tritt aus. Je nach Tiefe und Beschaffenheit der Wunde sollte ein Arzt hinzugezogen werden - vor allem, um unnötige Infektionen zu vermeiden.

Auch bei kleinen Verletzungen kann feuchte Wundversorgung oft besser helfen: Lassen Sie sich in der Apotheke beraten

Weniger bekannt ist die Tragweite des Problems der chronischen Wunden. Laut statistischem Bundesamt leiden in Deutschland 4 Millionen Menschen unter offenen Beinen, diabetischem Fuß oder Druckgeschwüren! Chronische Wunden verursachen Beschwerden und Schmerzen, aber auch gesellschaftliche Isolation durch Verlust von Mobilität und Arbeitsfähigkeit und nicht zuletzt durch den oft starken Wundgeruch. Die häufigsten chronischen Wunden sind:

Dekubitus / Druckgeschwür, Wundliegen
Entsteht bei bettlägerigen Patienten durch Druck auf bestimmte Hautareale: Die Patienten spüren kaum noch Druckschmerz und verändern ihre Position nicht mehr regelmäßig, so dass die betroffenen Stellen nicht mehr ausreichend mit arteriellem Blut versorgt werden. Besonders gefährdet sind hervorstehende Knochenpartien ohne Muskelpolster (z. B. Kreuzbein, Steiß, Fersen, Hüfte).

Ulcus cruris / Offenes Bein
Entwickelt sich meist aus einer chronisch venösen Insuffizienz (mangelhafter venöser Rückfluss im Unterschenkel). Eine offene Wunde entsteht, die körpereigenen Wundheilungsmechanismen funktionieren nicht, Gewebe stirbt ab, die Heilung bleibt aus.

Diabetischer Fuß
Folgekrankheit der "Zuckerkrankheit" (Diabetes mellitus): Verminderte Durchblutung und Schädigung der Nerven führen zu offenen, schlecht heilenden Wunden und Geschwüren. Jeder achte "Zuckerkranke" ist betroffen: In Deutschland werden jährlich ca. 28.000 Amputationen durchgeführt (von der Einzelzehe bis zum ganzen Fuß), die bei richtiger Behandlung zum Teil vermeidbar wären!


Feuchte Wundversorgung: Das "Prinzip Blase"

Traditionelle Verbände führen zum Austrocknen der Wunde: Mullkompressen oder auch befeuchtete Gaze trocknen aus und können mit dem Wundgrund verkleben. Problematisch sind die häufig notwendigen Verbandwechsel. Sie sind für die Patienten oft schmerzhaft und erhöhen das Infektionsrisiko.

Bei der feuchten Wundversorgung hingegen wird in allen Wundheilungsphasen ein günstiges feuchtes Wundmilieu geschaffen und aufrecht erhalten. Jeder weiß, dass eine Blase - entstanden z. B. beim Wandern - besser und schneller heilt, wenn sie geschlossen bleibt. Dieses Prinzip machen sich die Produkte der feuchten Wundversorgung zunutze: Sie imitieren die Verhältnisse in einer geschlossenen Blase! Durch die Aufrechterhaltung eines physiologischen, feuchten Wundmilieus fördern sie die Reinigung, Granulation und Epithelisierung der Wunde und ermöglichen so die schnellere Heilung.

Die feuchte Wundversorgung hat durch Fortschritte in der Materialforschung in den letzten Jahren einen qualitativen Entwicklungssprung erfahren. Ein breites Spektrum an Wundversorgungsprodukten für die Behandlung akuter und chronischer Wunden steht zur Verfügung (Alginate, Hydrokolloide, Hydrogele, Schäume, silberhaltige Wundauflagen, biologisch-aktive Wundverbände, Tissue Engineering).

Die Wirksamkeit dieser Produkte besteht aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Verbandsschichten. Die Kontaktschicht verwandelt sich in ein Gel, das die Wundflüssigkeit in die darüber liegende Schicht leitet. Zugleich verhindert das Gel den Eintritt von Bakterien, d.h. das Infektionsrisiko wird reduziert. Die hydroaktiven Verbände können schmerzfrei und gewebeschonend gelöst werden, weil sie nicht mit dem Wundgrund verkleben. Ihre Oberfläche ist keim- und wasserdicht, und sie können bis zu 10 Tagen auf der Wunde bleiben.

Mehr Behandlungs- und Lebensqualität bei geringeren Kosten

Der Einsatz feuchter Wundversorgungsprodukte verbessert nicht nur die medizinische und pflegerische Qualität der Behandlung, sondern auch die Lebensqualität der Patienten:

Schnellere Wundheilung
Verringerte Wundinfektionen
Weniger Schmerzen beim Verbandwechsel
Weniger Verbandwechsel insgesamt
Mehr Mobilität

Experten sind sich einig über die Vorteile der feuchten Wundversorgung: Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt sie in ihren Leitlinien zur Behandlung des (infektfreien) diabetischen Fußes, Kliniken haben Standards für feuchte Wundversorgung im Rahmen ihres Qualitätsmanagements erarbeitet.

Sogar der Kostenvergleich ist positiv: Zwar sind die Stückpreise für die innovativen Produkte zunächst höher als für herkömmliche Verbandmittel. Doch das Einsparpotenzial durch kürzere Liege- und Behandlungszeiten, weniger Personal und Materialeinsatz ist enorm. Die jährlichen Kosten von ca. 3-4 Milliarden Euro könnten durch Prophylaxe und den konsequenten Einsatz feuchter Wundversorgung um bis zu 1,5 Milliarden Euro reduziert werden.

"Wenn alle schon jetzt vorhandenen Kenntnisse und Erfahrungen in der Prophylaxe und Therapie von chronischen Wunden konsequent und überall genutzt würden - es könnte vieles an Leid und auch an Kosten gespart werden." (Initiative Chronische Wunden)

Warum ist feuchte Wundversorgung noch immer nicht Standard?

Laut Sozialgesetzbuch hat jeder Patient Anspruch auf adäquate Wundversorgung nach dem neuesten Stand der Wissenschaft. Alles spricht für die feuchte Wundversorgung: Medizinische, ethische, soziale und wirtschaftliche Aspekte. Kaum zu fassen, dass 80 Prozent der chronischen Wunden noch immer mit herkömmlichen Verbandmitteln behandelt werden!

Wie ist dieser Umstand zu erklären? In den Gebührenordnungen der Ärzte (EBM und GOÄ) fehlen spezielle Abrechnungsziffern, die den Einsatz feuchter Wundversorgungsprodukte berücksichtigen. Die Folge: Viele Vertragsärzte verordnen lieber herkömmliche Verbandmittel, um ihr Budget zu schonen. Außerdem sind sie aufgrund der derzeit ungesicherten Erstattungssituation verunsichert. Mit den Folgen sind nicht die Ärzte selbst, sondern neben den Patienten vor allem die Pflegekräfte konfrontiert: Sie erleben täglich, wie trockene Verbände den Heilungsverlauf in die Länge ziehen, wie viel Arbeit die häufigen Verbandwechsel machen und wie viel unnötige Schmerzen die Patienten deshalb erleiden.

Viele Ärzte, Pflegekräfte, Fachgesellschaften und Initiativen engagieren sich für die angemessene Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden. Doch das Ziel, sie als Standard in der Medizin und Pflege - wie in anderen europäischen Ländern schon geschehen - zu etablieren, ist noch nicht erreicht. Wichtig ist eine Bewusstseinsänderung bei allen Pflegenden und besonders bei den verordnenden Vertragsärzten. Den endgültigen Durchbruch kann jedoch nur eine Änderung der formalrechtlichen und abrechnungstechnischen Hürden bringen!

Was kann ich tun? Hinweise für Patienten

Was können Betroffene oder Angehörige dazu beitragen, dass sie selbst oder ein nahestehender Mensch mit chronischen Wunden die adäquate, feuchte Wundversorgung erhalten? Aktive Nachfrage - sowohl bei Ärzten als auch bei Pflegekräften - ist unbedingt empfehlenswert! Lassen Sie sich nicht einschüchtern, zeigen Sie, dass Sie informiert sind: Feuchte Wundversorgungsprodukte sind für alle Formen und Phasen chronischer Wunden erhältlich. Als Patient haben Sie oder Ihr Angehöriger das Recht auf eine Versorgung nach dem neuesten Stand der Wissenschaft!

Links:
www.icwunden.de: Initiative Chronische Wunden e.V.
www.dgfw.de: Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung e.V.

Weitere Informationen:
BVMed: http://www.bvmed.de/themen/hilfsmittel/Wundversorgung/
Maßstab Mensch: http://www.massstab-mensch.de/Medizintechnologien/Haut/article/moderne-wundversorgung.html

Stand: Januar 2011